Anlage von Nebengerinnen und Furkationsrinnen

Fließgewässer mit Nebengerinne und Furkationsrinne
Fließgewässer mit Nebengerinne und Furkationsrinne. Foto: Dirk Hübner

Entstehung und Dynamik von Nebengerinnen und Furkationsrinnen

Nebengerinne und Furkationsrinnen sind typische Habitatstrukturen in der Fließgewässerregion der Äsche. Sie sind Verzweigungen eines Fließgewässers, bei denen sich der Strom in zwei oder mehrere Arme aufteilt und später wieder zusammenfließt. Ihre Entstehung hängt von einem Zusammenspiel aus hydraulischen, geomorphologischen und sedimentologischen Faktoren ab. Dabei führt vor allem die hohe Sedimentfracht (v. a. Steine, Schotter, Kies, Sand) der Flüsse in der Äschenregion in Gewässerabschnitten mit einem moderaten Gefälle zu Ablagerungen und Umlagerungen der Sedimente. Diese werden dann umflossen und teilen so den Hauptstrom. Totholz, Findlinge oder Inseln lenken die Hauptströmung um und können so die Aufspaltung des Flusses fördern. In Abschnitten mit großer Flussbreite können mehrere Nebengerinne nebeneinander entstehen, welche dann später wieder zusammenfließen. Der Fluss gabelt sich damit auf und bildet ein Furkationsgerinne (Gabelungsgerinne). In Abschnitten mit geringerer Flussbreite bleibt die Verzweigung nur auf ein oder sehr wenige Nebengerinne beschränkt, während es in Flussabschnitten mit höherem Gefälle und einem engen Tal nur zu Ablagerungen von Sedimenten in den Gleithängen kommt und in der Regel keine oder nur sehr kleine Nebengerinne (z. B. Umläufe um Steinblöcke oder Totholz) entstehen.

Kiesbank mit sich bildendem Nebengerinne
Kiesbank mit sich bildendem Nebengerinne. Foto: Dirk Hübner

Natürlicherweise sind die umflossenen Ablagerungen (meist Kiesbänke oder Kiesinseln) in den Abschnitten mit moderatem Gefälle nicht lagestabil, sondern werden bei Hochwässern umgelagert, sodass sich der Verlauf und die Länge der Furkations- und Nebengerinne ereignisabhängig immer wieder ändern. So können sich bei Hochwässern einige Rinnen vertiefen und andere durch Ablagerungen so verschließen, dass diese bei sinkendem Wasserstand nur noch teilweise mit dem Hauptstrom verbunden sind oder völlig von diesem abgetrennt werden.

Umgelagerte Kiesanlandungen nach Hochwasser
Umlagerungen von Kiesanlandungen nach Hochwässern mit Verlagerungen von Rinnenstrukturen. Foto: Dirk Hübner

Auf diese Weise entstehen weitere typische Habitatstrukturen in der Aue: Seitenarme, die in Abhängigkeit vom Wasserstand mehr oder minder stark durchflossen werden, und Seitentaschen bzw. Arme, die noch mit dem Hauptfluss verbunden sind. Andererseits kann sich der Hauptverlauf des Flusses in eine Nebenrinne verlagern. Einzelne Gerinne können bei einer solchen Verlagerung auch trockenfallen. Im Laufe der Zeit kommt es deshalb zu unterschiedlichen Flussverläufen in der Aue. Oft sind diese ehemaligen Verläufe entlang des Flusses noch als Rinnenstrukturen oder Senken in den Auen sichtbar.

Die Entstehung von Nebengerinnen ist also hochgradig von einer intakten Abfluss- und Geschiebedynamik abhängig. Nebengerinne sind zudem, auch über ihre Bedeutung für die Fischfauna hinaus, ein wichtiger Bestandteil funktionaler Auen.

Bedeutung der Neben- und Furkationsgerinne als Habitate für die Äsche

Von besonderer Bedeutung für die Äsche sind jene Ausprägungen von Furkations- und Nebengerinnen, welche ganzjährig durchflossen sind. Sie sind also ober- und unterstrom mit dem Hauptgewässer verbunden. Idealerweise haben diese Rinnen einen naturnah geschwungenen Verlauf mit hoher Breiten- und Tiefenvarianz. Dadurch entstehen innerhalb dieser Gerinne in den Prallhängen eingetiefte Rinnen und in den Gleithängen flache Ufer mit ausgeprägter Tiefen- und Strömungsvarianz. Im günstigsten Fall sind diese Gerinne so breit, dass in ihnen Ablagerungen liegen bleiben. Diese sollten möglichst kiesig sein und wenig Feinsedimentanteil besitzen. Der Reichtum an vorkommenden Mikrohabitaten auf einem engen Raum ermöglicht es Äschen in allen Lebensstadien, ideale Lebensbedingungen in naturnah ausgeprägten Nebengerinnen vorzufinden.

Für adulte Äschen können Nebengerinne als Laichhabitat von hoher Bedeutung sein, da flache Kiesbänke mit mäßiger Strömung dort in manchen Flussabschnitten eher vorkommen als im Hauptstrom. Das liegt daran, dass der Lauf oft insgesamt breiter ist als in einem Einbettgerinne und tendenziell abgebremst wird, sodass Sedimentation stattfinden kann. In jedem Fall sind sie jedoch als Aufwuchshabitate für Äschenlarven und -juvenile von großer Bedeutung. Die strömungsärmeren und flachen Uferzonen im Nebengerinne schützen die schwimmschwachen Larven vor Abdrift in für sie ungünstige Flussabschnitte und vor Prädation durch größere Fische. Letzteres ist auch noch für juvenile Äschen von Bedeutung, wenn diese stärker überströmte und flache Abschnitte aufsuchen. Zudem bietet das kleinräumige Nebeneinander verschiedener Wassertiefen und Strömungsverhältnisse nicht nur ideale Mikrohabitate für Äschen, sondern auch viele für Eintags-, Stein- und Köcherfliegenlarven. Damit sind Nebengerinne auch bedeutende Nahrungshabitate für die Äsche und viele andere Fischarten. Zudem bieten Nebengerinne einen wichtigen Rückzugsort für Äschen und andere Fischarten. Bei Hochwässern können Äschen und andere Fischarten dem hydraulischen Stress in den strömungsärmeren Rinnen entgehen. Dies ist besonders in den ausgebauten und begradigten Flüssen von Bedeutung, da dort die Hochwasserspitzen deutlich höher ausfallen als in einem naturnahen Gewässer mit großem Retentionsraum in der Aue.

Anlage eines Nebengerinnes oder Furkationsgerinnes

Die Neuanlage oder das Öffnen verlandeter Furkations- oder Nebenrinnen ist häufig eine der wirksamsten Maßnahmen zur Stützung einer Äschenpopulation. Die Aufteilung des Abflusses in mehrere Läufe führt in allen Abschnitten zu einer Erhöhung der Wassertiefen- und Strömungsdiversität, da die Sedimentation in allen Abschnitten im Vergleich zu einem Einbettgerinne steigt. Die Seitenerosion in einer (unbefestigten) Nebenrinne führt zu einem hohen Sedimenteintrag in das Fließgewässer, verringert so das Geschiebedefizit und trägt dadurch zur Umkehr der Sohlerosion flussabwärts bei. Zudem ermöglicht der Eintrag von Geröll, Steinen, Kies und Sand die Neubildung von Anlandungen in aufgeweiteten Flussabschnitten mit geringerem Gefälle unterhalb der Erosionsstelle. Damit entstehen, neben den Habitaten in den Rinnen, neue Laich- und Aufwuchshabitate für die Äsche auch im Hauptverlauf des Flusses. Weiterhin können Nebengerinne als Umgehungsgerinne für unpassierbare Wanderhindernisse genutzt werden. Damit bieten sie nicht nur wichtige Habitate für die Äsche, sondern vernetzen die Bestände und Lebensräume und tragen so zur Resilienz der Äschenpopulation im jeweiligen Flusssystem bei.

Wenn eine Rinne angelegt oder eröffnet werden soll, muss dies in jedem Fall mit den zuständigen Behörden und den Flächeneigentümern abgestimmt werden. Bei der Neuanlage größerer Rinnen muss in der Regel eine formale Planung durchgeführt werden. Bei der Wiederöffnung einer ehemaligen Rinne kann es in Absprache mit den Behörden möglich sein, dies als Gewässerunterhaltungsmaßnahme genehmigungsfrei umzusetzen. Schutzgebiete und andere Restriktionen (z. B. nahe Infrastruktur) müssen stets beachtet werden. Eine enge Abstimmung mit den Behörden ist in jedem Fall erforderlich.

Wenn die Rinne in einer hydrologisch günstigen Position angelegt werden kann, z. B. im Prallhang einer Kurve, kann es ausreichend sein, lediglich eine initiale, schmale Rinne mit dem gewünschten Verlauf ins Ufer zu graben und zuletzt in ihrem Einlaufbereich an das Gewässer anzuschließen. Unter günstigen Bedingungen kann sich der Fluss im neuen Verlauf sein Nebenbett selbst verbreitern, vertiefen und generell ausformen. Dadurch lässt sich der Arbeitsaufwand minimieren.

Anschluss eines Initialgerinnes im Prallhang des Hauptverlaufs
Anschluss eines Initialgerinnes im Prallhang des Fließgewässer-Hauptverlaufs. Foto: Dirk Hübner

Falls die Position für die Ausleitung der Rinne eher ungünstig liegt (z. B. in einem Gleithang oder in einem sehr geraden Abschnitt), dann müssen im Hauptgerinne weitere Maßnahmen umgesetzt werden, um die hydrologische Anbindung sicherzustellen. Ansonsten droht stets die Gefahr, dass die Rinne wieder verlandet. Solche Maßnahmen können u. a. Strömungslenker, naturnahe Sohlschwellen oder Maßnahmen zur Sohlanhebung im Hauptgerinne sein.

Naturnah gestaltete Schwelle aus Steinmaterial im Hauptgerinne
Eingebaute naturnahe Schwelle im Hauptgerinne zur Regulierung des Wasserstandes, um Nebengerinne im Gleithang dauerhaft offen zu halten. Foto: Dirk Hübner

Generell muss eine Rinne in den Jahren nach ihrer Anlage (insbesondere nach ausgeprägten Hochwässern) weiter beobachtet werden, um auf unerwünschte Entwicklungen (z. B. Verlandung der Rinne, vollständige Verlagerung des Hauptlaufs in die Rinne, Auswirkungen der Seitenerosion) reagieren zu können. Es muss angesichts der sich immer dramatischer verschärfenden Niedrigwasserlagen in Deutschland darauf hingewiesen werden, dass man den Abfluss nur da dauerhaft auf mehrere Gerinne aufteilen sollte, wo auch bei langanhaltender Trockenheit ausreichender Abfluss vorhanden ist. Bei zu geringen Abflüssen können Rinnen sonst ähnliche Eigenschaften entwickeln wie eine schlecht dotierte Ausleitungsstrecke und die hitze- und trockenheitsbedingten Probleme im Fließgewässer verschärfen.

Folgende Faktoren müssen bei der Neuanlage oder bei der Öffnung von Nebenrinnen beachtet werden, wenn die Äsche als Zielart gefördert werden soll:

  • Anbindung der Rinne oberstrom und unterstrom an das Hauptgewässer: Da Äschen nur in fließenden, sauerstoffreichen Gewässerabschnitten vorkommen, sollte die Rinne möglichst ganzjährig durchflossen sein. Größere, fast stehende Gewässerflächen oder über lange Bereiche langsam fließende Abschnitte sollten vermieden werden, da sich das Wasser dort schnell erwärmen kann und dadurch sauerstoffärmer wird.
  • Einlaufgestaltung in die Rinne: Damit ein ganzjähriger Durchfluss in der Rinne auch bei Niedrigwasser gewährleistet ist, muss der Hochpunkt im Nebengerinne entsprechend tief liegen. Ggf. muss der Hochpunkt im Hauptgerinne baulich mit Steinmaterial fixiert werden. Gleichzeitig ist zu beachten, dass der Abfluss im Hauptgerinne nicht übermäßig reduziert wird. Dies kann durch naturnahe Einbauten (Steine) im Einlaufbereich des Gerinnes erreicht werden, die den Abflussquerschnitt in das Gerinne regulieren. Dabei muss beachtet werden, dass jegliche Einbauten auch Treibgutfänger sind und so zur Verstopfung des Gerinnes führen können. Bei Neuanlage oder Öffnung von Rinnen im Gleithang ist die Verlandungsgefahr der Rinnen besonders groß und sollte deshalb, wenn möglich, vermieden werden. Allerdings erlauben die Umstände (Flächenverfügbarkeit) es häufig nicht anders, und so müssen Rinnen auch unter hydraulisch ungünstigen Bedingungen angelegt werden. In diesem Fall hat sich der Einbau einer naturnah gestalteten Schwelle mit Steinmaterial bewährt, die fischpassierbar sein muss. Diese Schwelle wird im Hauptverlauf auf ganzer Gewässerbreite unterhalb des Einlaufbereichs als Strömungslenker eingebaut.
  • Naturnaher Verlauf und Einbauten in die Rinne: Die Rinne sollte dem Gewässertyp bzw. dem anzunehmenden natürlichen Verlauf entsprechend gekrümmt angelegt werden. Einbauten mit Totholz in den Prall- und Gleithängen fördern Deckungsstrukturen und Ablagerungen, dadurch erhöht sich die Strukturdiversität in der Rinne. Damit sind die Wassertiefen- und Strömungsdiversität für die Mikrohabitate aller Lebensstadien der Äsche möglich. Es ist jedoch darauf zu achten, dass sich die Rauheit in der Rinne nicht zu stark im Vergleich zur Rauheit im Hauptstrom erhöht, sonst droht eine Verlandung der Rinne. Daher ist es meist sinnvoll, auch im parallel verlaufenden Hauptgerinne umfangreiche strukturverbessernde Maßnahmen umzusetzen.
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